Alexej von Jawlensky, Stillleben mit bunter Decke, 1910. Dauerleihgabe aus Privatbesitz

Sammlungspräsentation Kunst

Die Kunstsammlungen reicht vom 12. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Unterteilt in die Bereiche Alte Meister, Klassische Moderne und Moderne und Gegenwart erhalten Sie hier einen ersten Einblick.

Robert Seidel, Grapheme. ©VG Bild-Kunst Bonn, 2018

Alte Meister

Die Sammlung der Alten Meister umfasst Werke vom 12. bis zum 18. Jahrhundert und beinhaltet neben religiöser und italienischer Kunst auch Gemälde des Goldenen Zeitalters der Niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts.

Grundlage der Präsentation der Alten Meister sind Themenräume, in denen die Besucher nach Gattungen geordnete Darstellungen erleben können. Um die Aktualität innerhalb dieser jeweiligen Gattungen zu verdeutlichen, finden sich in den Räumen auch Positionen der Gegenwartskunst wieder. 

Räume

Der Landschaftsraum

Der „abschließende“ Landschaftsraum fasst noch einmal die besonderen Stärken der Wiesbadener Sammlung Alter Meister zusammen. Er zeigt, dass ein thematischer Schwerpunkt bei der Landschaftsmalerei liegt. Kontrastierend führt uns der zeitgenössische preisgekrönte Film Reise zum Wald von Jörn Staeger in die Gegenwart der Landschaftswahrnehmung. 

Mit dieser Präsentation von Kunstwerken aus der Abteilung Alter Meister möchte das Museum Wiesbaden auch zukünftig Kommunikationsprozesse anregen. Vom „Museumstempel“ zum Dialogort — ein Prozess, der die Entmystifizierung der Aura des Ortes erlaubt, aber niemals der Kunst.

Der Stillleben-Raum

Der Stillleben-Raum vereint Sparten der Stillleben-Malerei wie Blumen-, Bücher-, Fisch-, Früchte- und Musikinstrumente-Stillleben. Sie bestechen durch offensichtliche wie verborgene Sinnschichten, lassen über Leiden, Vergänglichkeit und Tod reflektieren, weisen moralische, religiöse und erotische Implikationen auf und mahnen den Betrachter stets vor dem Überfluss. 

Der Mythologie-Raum

Der anschließende Raum der Mythologie gibt einen Einblick in die Welt der antiken griechischen Mythen. Beginnend mit harmlos anmutenden, mit Pfeilen spielenden Putten von Francesco Primaticcio, hin zu direkten erotischen Anspielungen der Danaë von Sebastiano Ricci, über die dramatische Fesselung des Prometheus von Luca Ferrari, beruhigt sich die Szenerie schließlich bei Pietro Liberis Venus mit Gefolge. 

Der Niederländer-Raum

Der folgende Raum ist ganz dem Goldenen Zeitalter der Niederländischen Malerei gewidmet, dem 17. Jahrhundert. Hier sind ausnahmsweise alle Gattungen vereint: Porträt, Stillleben, Landschaft, mythologische sowie religiöse Werke. Sie zeigen einen Querschnitt der malerischen Möglichkeiten der Niederländischen Kunst dieser Zeit.
Sie alle finden sich in Kazuo Katases Raum eines Raumes wieder. Der in Kassel lebende, japanische Künstler hat sich für seine Installation intensiv mit den Werken der Niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts auseinandergesetzt. Im Zentrum steht die eigens für das Museum Wiesbaden entwickelte Rauminstallation Raum eines Raumes. Hier setzt Katase sich mit einem der bekanntesten holländischen Künstler des Barock, Jan Vermeer van Delft, auseinander. Vermeers einzigartiger Umgang mit dem Licht und die Nutzung der Camera obscura werden in dieser Installation thematisiert und mittels einer komplexen Inszenierung neu befragt. 

Der Religions-Raum

Der anschließende Raum ist ebenfalls der religiösen Kunst vorbehalten, mit zum Teil sehr großformatigen mariologischen und christologischen Bildtafeln aus dem 15. bis 18. Jahrhundert. Anhand der Themen, beispielsweise der Christusdarstellungen, kann man exemplarisch das wechselvolle Verhältnis von Religion und ihren sich wandelnden Bildprogrammen studieren. 
Der zeitgenössische Frankfurter Künstler Jan Schmidt zeigt mit einer Craquelé-Arbeit, dass Bilder „Uhren ohne Zeiger“ sein können. Im Inneren tickt die Zeit, insbesondere, wenn es sich um Holztafeln handelt. Ein kleines Netz von Rissen gibt über ihr bisheriges Leben Auskunft. Schmidt fokussiert die veränderte Oberfläche, erhebt sie zu einem eigenen Kunstwerk und „malt Zeit“.

Der Kirchensaal

Im Museum Wiesbaden gibt es eine „Kirche“. 
In dem 1915 fertig gestellten Museumsbau des Architekten Theodor Fischer erhielten die Skulpturen im so genannten Kirchensaal, im zweiten Geschoss des Südflügels, ihr eigenes Domizil. Der Zentralraum, dessen Grundriss ein Oktogon bildet, sollte — ganz dem Geist des Historismus entsprechend — den aus ihren sakralen Zusammenhängen gerissenen Figuren etwas von der Feierlichkeit und Würde ihrer ursprünglichen Ausstellungsorte zurückgeben.
Die heutige Präsentation knüpft an diese Tradition an, indem sie den Werken des Mittelalters einen zweiten Wiedereinzug in den neu sanierten Kirchensaal gewährt.

Zwei Arbeiten von zeitgenössischen Künstlern, die Bodenarbeit Morgenabend von Micha Ullman und die Skulptur A Tale of the Sphinx von Katsura Funakoshi im Kirchensaal treten in einen Dialog mit den mittelalterlichen Skulpturen. Begegnungen von Alt und Neu können zu einem anhaltenden Gespräch führen, wenn der Betrachter sich darauf einlässt. Nur so kann der Ort als lebendiger Organismus verstanden werden. 

Das Entrée: Grapheme

Die Rauminstallation Grapheme des 1977 geborenen Berliner Künstlers Robert Seidel stellt das Entrée zu den Räumlichkeiten der Alten Meister dar. Einem Tunnel gleich verdichtet und erweitert sich der Raum mittels Farben, Spiegel, Skulpturen, Projektionen und Klang und nimmt den Betrachter mit auf eine sphärische Reise in unbekannte Welten. Diese Reise komprimiert künstlerische Ausdrucksmöglichkeiten der letzten Jahrhunderte über Farbe, Form und Raum und versetzt diese in Bewegung. Die Rauminstallation Seidels steht für die ständig anhaltende Verlebendigung unseres kulturellen Erbes.

Alexej von Jawlensky, Nikita, 1910

Klassische Moderne

Internationale Bedeutung besitzt die Sammlung der Klassischen Moderne vor allem durch das gut hundert Werke umfassende Konvolut des berühmten russischen Expressionisten Alexej von Jawlensky (1864—1941), der die letzten zwanzig Jahre seines Lebens in Wiesbaden verbrachte.

Alexej von Jawlensky

Der Werkkomplex um den Künstler Alexej von Jawlensky, der von 1921 bis zu seinem Tod 1941 in Wiesbaden lebte, bildet heute einen der großen Schwerpunkte im Museum Wiesbaden. Dies ist keineswegs selbstverständlich, da eine erste zu Lebzeiten des Künstlers aufgebaute Jawlensky-Sammlung zwischen 1933 und 1937 aufgrund der verheerenden Kulturpolitik der Nationalsozialisten völlig aufgelöst wurde. Alle Werke, die sich noch 1932 als Leihgabe oder Eigenbesitz im Museum Wiesbaden befanden — immerhin mehr als 20 Gemälde — wurden an die Besitzer zurückgegeben bzw. 1937 beschlagnahmt und abtransportiert.
Die heutige Wiesbadener Jawlensky-Sammlung, die mit insgesamt über 100 Werken neben der des Norton Simon Museums in Pasadena (USA/Kalifornien) die umfangreichste zum Werk des Künstlers darstellt, konnte in den letzten 25 Jahren hinsichtlich Qualität und Werkauswahl zur bedeutendsten Sammlung weltweit ausgebaut werden.

Alle Entwicklungsstufen des Künstlers — seine frühe Münchner Phase, der Murnauer und Schwabinger Aufbruch, die Schweizer Exilzeit sowie die wichtige Wiesbadener Periode — sind mit Hauptwerken vertreten. Hinzu kommt, dass im Museum Wiesbaden neben dem malerischen auch das graphische Werk äußerst facettenreich in hervorragender Qualität — u. a. Selbstportraits, Bildnisse und Landschaften — bewahrt wird. Eine bedeutende Jawlensky-Erwerbung gelang mit dem Gemälde Heilandsgesicht: Ruhendes Licht (1921) anlässlich der Wiedereröffnung des Museumsmitteltraktes im Jahr 2006. Diese wurde möglich durch eine Verwaltungskooperation mit der Ernst von Siemens Kunststiftung sowie durch großzügige Zuschüsse der Kulturstiftung der Länder, der Hessischen Kulturstiftung, der Landeshauptstadt Wiesbaden, der Hessischen Landesbank, der SV Sparkassenversicherung Hessen-Naussau-Thüringen und der Naspa-Stiftung Initiative und Leistung.
2014 konnte zudem das Gemälde Helene im spanischen Kostüm anlässlich der Jubiläumsausstellung zum 150. Geburtstag von Alexej von Jawlensky für das Haus gewonnen werden. Der Wiesbadener Sammler, Frank Brabant, der das Museum seit vielen Jahren mit Leihgaben zu den verschiedenen Ausstellungen der Klassischen Moderne unterstützt, schenkte dieses zentrale Werk.

Deutscher Expressionismus und die Sammlung Hanna Bekker vom Rath

Zusätzliches Gewicht erhält die Abteilung Klassische Moderne durch die Sammlung Hanna Bekker vom Rath, die im Jahr 1987 ans Haus gebunden werden konnte. Zu den bedeutenden Expressionisten Ernst Barlach, Lovis Corinth, Lyonel Feininger, Natalia Gontscharowa, Ernst Ludwig Kirchner, Paula Modersohn-Becker, Otto Mueller oder Emil Nolde kamen durch diese für das Museum wegweisende Erwerbung Ende der 1980er-Jahre noch Hauptwerke von u.a. Willi Baumeister, Max Beckmann, Erich Heckel, Wassily Kandinsky, August Macke und Karl Schmidt-Rottluff hinzu.
Der Ankauf ist untrennbar verbunden mit dem Namen der Sammlerin und Kunsthändlerin Hanna Bekker vom Rath, die viele Künstler, deren Kunst während des Nazi-Regimes als „entartet“ galt, im so genannten Blauen Haus (in Hofheim im Taunus) beherbergte. Aus ihrem Nachlass erwarb der Verein zur Förderung der Bildenden Kunst in Wiesbaden e. V. insgesamt 30 Gemälde und Zeichnungen höchsten Ranges und stellte sie dem Museum Wiesbaden als testamentarisch und vertraglich verfügte Dauerleihgabe zur Verfügung.

Konstruktive Positionen

Dieser zweite Schwerpunkt der Abteilung Klassische Moderne umfasst Werke von Ella Bergmann-Michel, Erich Buchholz, Walter Dexel, Adolf Fleischmann, Werner Graeff, Robert Michel, László Moholy-Nagy, François Morellet, Anton Stankowski und Friedrich Vordemberge-Gildewart.
Für die Geschichte der Moderne in der Wiesbadener Kunstsammlung sind die konstruktiven Positionen insofern von Bedeutung, als hier im Taunus 1927 der „ring neue werbegestalter“ gegründet wurde. Von der nationalsozialistischen Kulturpolitik waren die Arbeiten dieser Künstler ebenso wie die der Expressionisten als „entartet“ gebrandmarkt und aus den Museen entfernt worden. Mit Werken von László Moholy-Nagy, Walter Dexel und Erich Buchholz wurde der Grundstein für einen Sammlungsschwerpunkt konstruktiver Kunst im Museum Wiesbaden bereits in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg gelegt.
An die Wiesbadener Tradition der konstruktiven Positionen wurde — im Gegensatz zur Jawlensky-Sammlung — jedoch in den 1950er-Jahren zunächst nur zögerlich angeknüpft. Erst in den 1990er-Jahren glückte mit Hilfe der Schweizer Stiftung Vordemberge-Gildewart der Anschluss an die konstruktive Kunst der Zwischenkriegsjahre. Ausschlaggebend hierfür war, dass dem Museum Wiesbaden im Jahr 1997 der Nachlass von Friedrich Vordemberge-Gildewart (1899—1962), dem in den 1920er-Jahren von keinem geringeren als Theo van Doesburg die Mitgliedschaft in der De Stijl-Gruppe angeboten wurde, als Schenkung übereignet wurde. Dieser umfasst neben den rund 50.000 Zeichnungen, typografischen Arbeiten, Studien und Gästebüchern von Vordemberge-Gildewart auch zahlreiche Skizzen, Fotos, Briefe und Archivalien von dessen Künstlerfreunden (u. a. Kurt Schwitters, László Moholy-Nagy, Theo van Doesburg). Hierdurch ist das Museum zu einem der wichtigsten Orte dieser künstlerischen Strömung in Deutschland geworden.

Zur Wiedereröffnung des Mitteltraktes im Jahr 2006 wurden dem Museum Wiesbaden von Annely Juda Fine Art zehn Rekonstruktionen der frühen Reliefs von Wladimir Tatlin (um 1915) als Dauerleihgaben zur Verfügung gestellt. Dabei handelt es sich um Inkunabeln der russischen Avantgarde und der modernen Skulptur, die gerade in der unmittelbaren Nachbarschaft von Ilya Kabakovs raumgreifender Installation Der rote Waggon (1991) ihren sinnvollen Platz haben und somit nahtlos in die Kunst der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts überleiten.

Mario Merz, Spiraltisch mit Iglu. Gambe che Corrono/1988/95, 1980. Spiral Table with Igloo. Gambe che corrono/1988/95, 1980. ©VG Bild-Kunst Bonn, 2018

Moderne und Gegenwart

Die europäische und amerikanische Moderne nach 1945 gehört zu den profiliertesten Sammlungen des Hauses. Ihr Schwerpunkt liegt in der ungegenständlichen Malerei und Skulptur, die sich mit den Themen Linie, Farbe, Fläche, Volumen und Raum auseinandersetzt.

Internationale Kunst seit den 1960er-Jahren

Heute gehören die Moderne nach 1945 und die zeitgenössische Kunst zu den profiliertesten Positionen des Hauses. Einsetzend mit internationalen Vertretern des Abstrakten Expressionismus reichen die Künstlernamen hier von K. O. Götz über Gerhard Hoehme bis Mark Rothko und Ad Reinhardt. Mit Werken von Georg Baselitz, Jörg Immendorff und Gerhard Richter, sowie Arbeiten von Joseph Beuys, Nam June Paik, Wolf Vostell und Dieter Roth ist die deutsche Nachkriegskunst stark vertreten, allein mit zwölf Arbeiten von Eva Hesse das Werk einer der bedeutendsten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts.

Raum-Installationen von Jochen Gerz, Rebecca Horn und Ilya Kabakov, sowie Arbeiten der amerikanischen Minimal Art ergänzen den Bestand. In ähnlicher Weise wie diese Künstler an die Konstruktiven Positionen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts anschließen, lässt sich mit Malern wie Otto Ritschl, Ulrich Erben und Raimund Girke, die vom Expressionismus begonnene Untersuchung der Farbe als Grundelement jeglicher Malerei verfolgen.

Das Interesse der Landeshauptstadt wie auch des Museums Wiesbaden an einer lebendigen Auseinandersetzung mit bedeutenden Strömungen internationaler Kunst drückt sich auch in dem Alexej-von-Jawlensky-Preis aus, der alle fünf Jahre in Erinnerung an das Lebenswerk des großen russischen Malers vergeben wird. Mit der Auszeichnung verbunden sind ein Geldpreis, eine Ausstellung im Museum Wiesbaden und der Ankauf einer Arbeit.
An der Stiftung des Preises beteiligt sind die Hessische Landeshauptstadt Wiesbaden, die Spielbank Wiesbaden und die Nassauische Sparkasse. Durch die Stiftung des Preises signalisieren die drei Träger-Institutionen, dass sie die Impulse, die von Alexej von Jawlensky auf das kulturelle Leben unserer Stadt ausgegangen sind, als Verpflichtung und als Maßstab betrachten.

Erstmals erhielt ihn 1991 die amerikanische Malerin Agnes Martin. 1996 wählte die international besetzte Jury den amerikanischen Maler Robert Mangold zum zweiten Preisträger. Dritter Preisträger wurde im Jahre 2003 der amerikanische Maler Brice Marden, der den Preis im Jahre 2004 anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „Jawlensky — Meine liebe Galka!" erhielt (Ausstellung im Jahr 2008). 2007 wurde der Alexej von Jawlensky-Preis zum vierten Mal vergeben, diesmal an die mehrfache documenta-Teilnehmerin Rebecca Horn. Zur Preisverleihung im März 2007 wurde nicht nur die mit dem Preis verbundene Ausstellung eröffnet, sondern auch die Spiegelinstallation „Jupiter im Oktogon“ eingeweiht.
Im Jahr 2010 erhielt der amerikanische Künstler Ellsworth Kelly den Jawlensky-Preis für sein Lebenswerk. Die Auszeichnung für herausragende Leistungen im Bereich der bildenden Kunst wurde ihm im Rahmen der Eröffnung der Preisträger-Ausstellung im März 2012 im Museum Wiesbaden verliehen.