Else Lasker-Schüler an Marianne von Werefkin 1913
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„Der Blaue Reiter“, gegründet 1911 in München, war ein Kreis von Persönlichkeiten, die im Bereich der Malerei, Literatur und Musik Visionäres geleistet haben. Er steht für Emotion, die Befreiung der Farbe vom Gegenstand und die Idee einer Gleichwertigkeit von künstlerischen Ausdrucksformen unterschiedlicher Epochen, Gattungen, Regionen. Das Besondere am „Blauen Reiter“ war die schrankenlose Offenheit, etwa dass von Beginn an viele Künstlerinnen wie selbstverständlich an der Ideenentwicklung für eine neue expressive Kunst mitwirken konnten – ungewöhnlich in einer Zeit, in der dies Frauen aufgrund des herrschenden, ihnen völlig widrigen gesellschaftlichen Normengefüges sonst kaum möglich war.
(Prinz von Theben) Else Lasker-Schüler (Der blauen Reiterreiterin Freundin).
Dieser Brief von Else Lasker-Schüler an Marianne von Werefkin aus dem Jahr 1913 macht zwei Dinge deutlich, die den Künstlerinnen wichtig waren: Zum einen werden durch die irreguläre, genderfluide Sprache geschlechtsspezifische Rollenklischees bewusst aufgebrochen und hinterfragt – eines der Themen, das explizit die Künstlerinnen in den „Blauen Reiter“ eingebracht haben. Zum anderen wollte Lasker-Schüler mit der vielschichtigen Begrifflichkeit der „Blauen Reiterreiterin“ darauf hinweisen, dass Werefkin als „Vorreiterin“ entscheidende Impulse zur Erneuerung der Kunst am Beginn des 20. Jahrhunderts beigetragen hatte. Trotz dieses Bewusstseins der Frauen, wesentlicher Teil des „Blauen Reiters“ gewesen zu sein, gerieten die Künstlerinnen aufgrund einer männerzentrierten Kunstgeschichtsschreibung nahezu völlig aus dem Fokus.
Nach dem Zweiten Weltkrieg zementierte die erste Retrospektive zum „Blauen Reiter“, die 1949 im Haus der Kunst in München stattfand, den zukünftigen männlich geprägten Kanon der Gruppe – und das bis weit ins 21. Jahrhundert hinein. Denn hier wurden alle Künstler des Kreises – Wassily Kandinsky, Franz Marc, Paul Klee, Alexej von Jawlensky u.v.a. – in großer Breite gefeiert, während von den Künstlerinnen nur mehr Erma Bossi, Gabriele Münter und Marianne von Werefkin übriggeblieben und in deutlich kleinerem Umfang zu sehen waren. Viele der früher vertretenen Künstlerinnen haben in den letzten Jahrzehnten monografische, mehr oder minder umfangreiche Einzelausstellungen erhalten, aber immer, wenn „Der Blaue Reiter“ insgesamt Thema einer Ausstellung war, wurde ihre Kunst großteils wieder aussortiert und damit ihre Beiträge marginalisiert.
Die Ausstellung „Die Blauen Reiterinnen“ versammelt die acht Künstlerinnen, die in einer der drei Ausstellungen der „Neuen Künstlervereinigung München“ (1909/1910/1911) oder in einer der beiden des „Blauen Reiters“ (1911/1912) vertreten gewesen sind: Zum „inner circle“ gehörten Maria Franck-Marc, Gabriele Münter und Marianne von Werefkin. Zudem zeigten aber auch die Künstlerinnen Erma Bossi, Emmi Dresler, Elisabeth Epstein, Natalja Gontscharowa und Carla Pohle Werke in diesen Ausstellungen. Elisabeth Erdmann-Macke, Else Lasker-Schüler, Sonia Delaunay-Terk und Olga Meerson standen dem Kreis des „Blauen Reiters“ sehr nahe und wurden deshalb miteinbezogen.
Erst durch die Zuspitzung auf die zwölf Künstlerinnen wird deutlich, wie vieles im Nachhinein unwissentlich verzerrt dargestellt wurde oder schlicht ausgeklammert und deshalb unbeleuchtet blieb. So waren es nicht nur die Männer, die allein künstlerische Beziehungen nach Frankreich oder Russland unterhielten, sondern maßgeblich die Künstlerinnen. Außerdem bereicherten sie den „Blauen Reiter“ mit Themenfeldern, die heute hochaktuell sind: Denn in ihren Bildern finden sich mitunter Strategien angedeutet, wie sich unterrepräsentierte Frauen in einem kompetitiven Umfeld behaupten können. Auch zeigen sie die ironische Perspektive zur prinzipiell abgewerteten „Frauenkunst“ oder öffnen den Blick mit ihren gesellschafts- und sozialkritischen Werken für konstruierte Rollenbilder, Identitätsfragen und Geschlechterrollen – Aspekte, die die Männer der Gruppe weniger interessierten. Nicht zuletzt durch ihre, die Perspektive der Frauen mitdenkende Kunst war „Der Blaue Reiter“ eine Ausnahmeerscheinung unter den unzähligen Künstlerkreisen seiner Zeit. Mit den „Blauen Reiterinnen“ gewann „Der Blaue Reiter“ an Pluralität, Vielstimmigkeit und Diversität.
Eine Ausstellung des Museum Wiesbaden in Kooperation mit dem Paula Modersohn-Becker Museum, Bremen, der Städtischen Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München und der Museo Comunale d’Arte Moderna, Ascona – Fondazione Marianne Werefkin.
Von 8 der 12 Künstlerinnen, die in der Ausstellung vertreten sind, konnten Biografien zusammengetragen werden. Von den übrigen vier Künstlerinnen konnten allerdings kaum bis keine Informationen über Ihr Leben und Schaffen ermittelt werden. Es bleiben nur ihre Bilder, die sich in der Ausstellung befinden.
1 Marianne von Werefkin, Der Tänzer Alexander Sacharoff, 1909. Museo Comunale d’Arte Moderna, Ascona. Foto: Museo Comunale d’Arte Moderna, Ascona
2 Maria Franck-Marc, Pfingstrosen, 1909. Museum Wiesbaden. Foto: Museum Wiesbaden / Bernd Fickert
3 Elisabeth Epstein, Selbstporträt, 1911, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, im Andenken an Jerome Pustilnik, New York City
4 Gabriele Münter, Kandinsky und Erma Bossi am Tisch, 1912, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, Gabriele Münter Stiftung 1957 © VG Bild-Kunst Bonn 2026
5 Sonia Delaunay, Philomena, 1907. Credit: Centre Pompidou, Mnam/Cci, Paris, © und Foto: Pracusa S.A. 20260417
6 Natalia Gontscharowa, Die Badenden, um 1910, Museum Wiesbaden, erworben mit Unterstützung der Hessischen Kulturstiftung, Verein zur Förderung der bildenden Kunst in Wiesbaden e.V. sowie der Landeshauptstadt Wiesbaden
Im Rahmen der Ausstellung zeigt die zeitgenössische Künstlerin Daniela Comani (Berlin) in der anschließenden Sammlungspräsentation ihre Intervention „Orlando’s Library“, die zentrale Fragestellungen der Ausstellung weiterführt.
Artist Talk
Fr, 23 Okt 26, 12:00–12:30
Zur Intervention „Orlando’s Library“ mit der Künstlerin Daniela Comani und der kuratorischen Assistentin Bettina Löwen
#01 Frauen im Dialog
Do, 3 Dez 26, 19:00
Gespräch mit Iris Berben (Schirmherrin der Ausstellung und Schauspielerin)
Carina Lerch (Leitende Kriminaldirektorin im Polizeipräsidium Südosthessen)
Tijen Onaran (Unternehmerin, Investorin und Autorin)
Moderation: Catherine Mundt (hr2kultur)
In Kooperation mit hr2kultur
#02 Frauen im Dialog
Do, 28 Jan 27, 19:00
Gespräch mit Dina Reit (Geschäftsführerin SK Laser GmbH), N.N. und Susanne Wingertszahn (Vorsitzende DGB Rheinland-Pfalz ⁄ Saarland)
#03 Gabriele Münter wird 150!
Do, 18 Feb 27, 19:00
Gespräch mit den Kunsthistorikerinnen und Kuratorinnen
Dr. Henrike Hans (Bremen), Dr. Katharina Henkel (Hannover) und
Dr. Annegret Hoberg (München)
Moderation: Dr. Roman Zieglgänsberger
ARTIST TALK
Fr, 23 Okt 26, 12:00—12:30
Zur Intervention „Orlando’s Library“ mit der Künstlerin Daniela Comani
und der kuratorischen Assistentin Bettina Löwen
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VORTRAG
Do, 19 Nov 26, 19:00
Maria Franck-Marc wird 150!
Mit Jessica Keilholz-Busch, Direktorin Franz Marc-Museum, Kochel am See
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KURATORENFÜHRUNGEN
Do, 10 Dez 26 und Do, 14 Jan 27, jeweils 18:00—19:00
Die Blauen Reiterinnen
Mit Dr. Roman Zieglgänsberger
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SONDERFÜHRUNG
Do, 17 Dez 26, 19:00—20:00
Frauen im Fokus
Eine dialogische Führung mit Ann-Katrin Spies und Bettina Löwen in Kooperation mit dem Zonta Club Wiesbaden
SONDERFÜHRUNG MIT STADTRUNDGANG
Vorreiterinnen. Frauen, die Geschichte schrieben
So, 22 Nov 26, 12:30 (Dauer ca. 2,5 Stunden)
Stadtrundgang und Ausstellungsbesuch
In Kooperation mit dem frauen museum wiesbaden mit Valentine Goldmann und Ann-Katrin Spieß
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MITMACHAKTION AM FREIEN SAMSTAG
Sa, 5 Dez 26, 11:00—14:00
Stich für Stich — Words of Empowerment
Mitmachaktion: Kollektives Sticken
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ART AFTER WORK
Do, 21 Jan 27, 19:00—20:30
Zur Frage der Sichtbarkeit: Historische und zeitgenössische Perspektiven weiblicher künstlerischer Praxis
Mit der Künstlerin Johanna Reich und der kuratorischen Assistentin Bettina Löwen
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LESUNG — Literatur trifft bildende Kunst
Sa, 20 Feb 27, 11:00
Geschichten zu Bildern in der Ausstellung
Die „Schreibwerkstatt“ mit Jutta Schubert in Kooperation mit der VHS Mainz
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Begleitend zur Ausstellung präsentiert die Caligari Filmbühne in Kooperation mit dem Museum Filme über Marianne von Werefkin, Maria Franck-Marc und Gabriele Münter.
MUSEUMSWERKSTATT FÜR KINDER
Sa, 14 Nov 26, 10:15—13:00
Wenn Farben Geschichten erzählen
Sa, 12 Dez 26, 10:15—13:00
Mutige Frauen, mutige Farben
Sa, 13 Feb 27, 10:15—13:00
Die Welt durch die Augen der Blauen Reiterinnen entdecken
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OFFENES ATELIER FÜR FAMILIEN
So, 17 Jan 27, 14:30—16:30
Weiblich, mutig, farbstark — Die Blauen Reiterinnen
So, 21 Feb 27, 14:30—16:30
Atelierwerkstatt zu den Blauen Reiterinnen
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Der Kunstpodcast Augen zu der ZEIT
Vom 1. Juli 2026