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Walter Dexel - Das druckgraphische Werk
21. Februar - 30. Mai 2010
Walter Vitt
Die Druckgrafik von Walter Dexel
(Auszug aus dem Katalog Köln 1998)
Das druckgrafische OEuvre von Walter Dexel ist in seinem Umfang verhältnismäßig klein. Es zählt knapp 100 Werke, davon entstanden ca. 20 im Früh- und Hauptwerk, also in den ersten 16 Jahren zwischen 1915 und 1930, die übrigen schuf er nach seiner Wiederentdeckung zwischen 1968 und 1973. Gemessen an der druckgrafischen Fülle im Werk von vielen Zeitgenossen Dexels aus den zehner und zwanziger Jahren ist dies eine äußerst sparsame Produktion.
Worin ist die druckgrafische Askese Dexels begründet? Da spielen mehrere Aspekte zusammen. Zum einen gilt hier das, was auch für Dexels Gesamtwerk Gültigkeit hat: die lange Pause der fast 30 Jahre zwischen 1933 und 1962, zwischen den deutschen Nazi-Jahren und den knapp zwei Jahrzehnten früher Bundesrepublik, ließ in einem langen Menschenleben (Dexel wurde 83 Jahre alt) praktisch nur 3½ Jahrzehnte künstlerische Produktion zu. Dexel hat also ebenso lange als Maler und Grafiker pausiert, wie er in dieser Weise tätig war. Zum anderen muss insbesondere für Dexels frühe Druckgrafik festgestellt werden, dass es in den zwanziger
Jahren keinen großen Bedarf des Publikums an konstruktiver Grafik gab, wohl an expressionistischen Produkten und/oder Werken der Neuen Sachlichkeit. Als Dexel 1973 starb, fanden sich in seinem Nachlass von den Holzschnitten der zehner und zwanziger Jahre selbst von Editionen mit kleiner Auflage (10 bis 20 Exemplare) jeweils noch einige unsignierte Blätter, weil Dexel meist erst dann signierte, wenn ihm ein Käufer für ein bestimmtes Blatt begegnete.
Als wichtigstes Argument kommt aber, was die frühe Druckgrafik betrifft, ein konzeptioneller Grund hinzu: Dexels künstlerische Interessen verlagerten sich im ersten Drittel der 20er Jahre von der bildnerischen Gestaltung auf den angewandten Bereich: auf Typografie, Plakat, Buchkunst, Reklame und Leuchtreklame, Verkehrsschilder, Bühnenbildner, Raumausstattung usw. An die Stelle der künstlerischen Druckgrafik traten nunmehr Plakate und andere Werbedrucksachen, von denen die berühmtesten jene postkartengroßen Einladungskarten sind, die Dexel damals für die Ausstellungen des Kunstvereins Jena schuf, dessen Ausstellungsleiter er viele Jahre gewesen ist. Wenn der Künstler bei den Umschlaggestaltungen für Bücher gelegentlich auch Bildhaftes in diese Collagen und Montagen einbezog, so verließ er sich bei den Plakaten und Werbedrucksachen fast ausschließlich auf die Schrift.
Es ist davon auszugehen, dass Dexel seine Schriftdrucksachen nicht in der Atelierabgeschiedenheit entwarf, sondern weitgehend in den Setzereien im Zusammenwirken mit den handwerklichen Praktikern schuf. In einem 1928 zur Erlangung einer Dozentur an der Magdeburger Kunstgewerbe- und Handwerkerschule abgefassten Lebenslauf schreibt der Maler: „Ich lebe als freier Gebrauchsgrafiker … An der Volkshochschule Jena unterrichte ich über die Zusammenhäng neuer Kunst mit praktischer Gestaltung. Die Setzer der Druckereien, mit denen ich ständig arbeite, habe ich im Laufe der Jahre so fördern können, daß sie auch in ihren selbständigen Arbeiten ein anerkanntes Niveau erreicht haben.“ Und an anderer Stelle in demselben Text notiert er: „In selbstverständlicher Folge schloss sich (an die Bildproduktion) praktische Tätigkeit auf dem Gebiet der Gebrauchsgrafik an …“ Beide Zitate aus demselben Text stellen klar, dass Dexel sich zu dieser Zeit (1928) längst nicht mehr als Maler und Grafiker im klassischen Sinne begreift, sondern als jemand, der sich das Ziel gesetzt hat, praktische Aufgaben in der Gesellschaft zu lösen.
Es sollte aber beachtet werden, dass Dexel mit seinen frühen Holzschnitten durchaus Anerkennung gefunden hat. Die Komposition „Sternenbrücke“ von 1919 (Vitt Nr. 10) wurde in die 1921 erschienene Bauhaus-Mappe „Deutsche Künstler“ aufgenommen; mehrfach zeigte Herwarth Walden Dexel-Holzschnitte in seiner Monatsschrift „Der Sturm“ („Steile Straße – Der Strahl“, Vitt Nr. 5, in Jg. 8, Heft 12/1918; „Apollotheater“, Vitt Nr. 4, in Jg. 9, Heft 9/1918); das Blatt „Figuration 1922 I“ (Vitt Nr. 12) erschien in der belgischen Kunstzeitschrift „7arts, hebdomadaire d’information et de critique“, Brüssel 1923, zu einem Text von Adolf Behne; 1925 veröffentlichte
Willi Wolfradt in seinen Flugblättern „Die Lebenden“ einen Dexel-Holzschnitt auf der Titelseite, und zwar das Blatt „1924 II“ (Vitt Nr. 15).
In seiner frühen Werkphase (1912-1914) mit Studienaufenthalten in Italien und Paris begleitete Walter Dexel sein malerisches OEuvre noch nicht mit Druckgrafik. Der erste Holzschnitt entsteht 1915 in Jena, nachdem das Bilder-OEuvre des Künstlers bereits auf etwa 60 Werke angewachsen ist. Von nun an lässt sich an Dexels Holzschnitten seine Entwicklung von der Abstrahierung der Formen zum Konstruktiv-Konkreten sehr gut ablesen. Zudem werden Parallelen zu den Motiven auf seinen Bildern und Aquarellen erkennbar.
1920/21 malt Dexel zahlreiche Städteansichten, 1921/22 entstehen Maschinen-Bilder. Mit diesen Motiven bereitet sich der Weg ins Konstruktiv-Konkrete vor. Aus den Schwungrädern der Maschinen erwachsen die Scheiben und Halbscheiben auf den späteren Werken, aus der Senkrecht-Waagerecht-Ordnung der Häuserportraits entwickeln sich die autonomen vertikale und horizontal angelegten Strukturen des „konkreten“ Dexel.
Diese Übergangswerke vom Abstrakten zum Konkreten – in Dexels malerischem Werk sind es zwischen 1920 und 1922 nahezu 50 Bilder – werden im druckgrafischen OEuvre von nicht mehr als drei Holzschnitten begleitet, die zudem selbständige Hervorbringungen sind, sich also in ihrer Struktur nicht an Bilder anlehnen oder in diese eingegangen sind.
Im konkreten Werk setzt sich bei Dexel dann ein Verfahren durch, das so etwas wie bildnerische Prototypen kennt. Beginnend etwa nach 1921, hält Dexel dieses Prinzip weitgehend bis ins Spätwerk durch. Eine bildnerische Konstruktion wird auf ihre Tragfähigkeit erprobt: als Collage, im Holzschnitt, als Ölbild oder Hinterglasbild, als Gouache oder Aquarell, gelegentlich als Wandbild oder in der Außenarchitektur – im Spätwerk dann als Siebdruck, Plexiglasarbeit und/oder auf Polystyrol-Bildträger. Ein solches Arbeiten mit Prototypen findet sich dabei auch im „Wechselspiel“ zwischen Bild und Plakat, zwischen Bild und Leuchtreklame oder auch zwischen
Bild und Bühnenbild.
Die Hinwendung zur Siebdruck-Grafik im Jahr 1968, also 38 Jahre später, erfolgte unter völlig anderen Vorzeichen. Sie wurde von Walter Dexel wie von seinen Editoren einerseits als Präsentation seiner späten Bild-Erfindungen begriffen, galt andererseits aber dem Bemühen, den vergessenen Maler nach so vielen Jahren des Schweigens vor allem in seinem konkreten Werk der zwanziger und dreißiger Jahre erkennbar zu machen. So ediert Carl Laszlo in Basel 1968 zwei Mappenwerke mit insgesamt 12 Siebdrucken. In „Mappe 1“ versammelt er 6 Blatt mit Motiven von 1926 bis 1930…; in „Mappe 2“ stellt Laszlo 6 Motive aus Dexels berühmter „Köpfe“-
Reihe der Jahre 1930 bis 1933 vor… Auch das Mappenwerk, das Eugen Gomringer 1971 in der Galerie Thomas Keller (Starnberg) herausgibt und das die Motive von zehn Hinterglasbildern der Jahre 1918 bis 1926 im Siebdruckverfahren wiederholt…, stellt den „frühen Dexel“ vor, wurde in der Absicht ediert, Dexels Leistung zu veranschaulichen, auf selbständige Weise vom abstrakten Bild zur konkreten Kunst zu gelangen. Dabei lag dieses Interesse gleichermaßen beim Künstler wie bei Herausgeber und Galerist.
Viele Einzelblätter mit Motiven seiner Kunst der 20er Jahre erschienen zwischen 1969 und 1973 in verschiedenen Kunstvereinen. Das Jahresgabengeschäft der Kunstvereine stand damals noch in hoher Blüte. Das Bedürfnis vieler Sammler, vor allem solcher mit kleinem Geldbeutel, und Dexels Ziel, sein frühes Werk erkennbar zu machen, trafen sich auf ideale Weise. Im Braunschweiger Kunstverein, dem damals der Galerist Rolf Schmücking vorstand, erschien erstmals 1969 eine Dexel-Jahresgabe mit frühem Motiv. Im Jahr darauf edierte Braunschweig ein zeitgenössisches Blatt zusammen mit einem dazu passenden Siebdruck-Plakat. Großen
Anteil an der Wiederentdeckung Dexels über das „Medium“ Jahresgabe hatte die hannoversche Kestner-Gesellschaft, seinerzeit unter Wieland Schmied. Während sich dessen Vorgänger Werner Schmalenbach überhaupt nicht mit dem Werk Dexels anzufreunden wusste, gab Wieland Schmied zwischen 1969 und 1971 vier Dexel-Blätter heraus. Dabei wählte er vornehmlich zeitgenössische Arbeiten. Schmieds Bemühen, Dexel auch vollends als Künstler der Gegenwart darzustellen, zeigte sich, als er ihm 1970 den Auftrag gab, eine zehnblättrige Siebdruckmappe mit den Zahlen 0 bis 9 zu entwerfen. Aber Dexels zusehends schlechter gewordener Gesundheitszustand ließ diese Leistung nicht mehr zu; allerdings schuf der Maler einige Bleistiftskizzen für die Mappe, darunter den Entwurf für das Blatt mit der „8“.
Neben vielen frühen Motiven (Prototypen) im Siebdruckwerk der Jahre 1968ff. kamen Dexels späte Bild-Erfindungen aber mit wichtigen Beispielen zu ihrem Recht. Von den „Bandwerk“- Motiven, deren Entstehung zwischen 1964 und 1967 zu datieren ist, gibt es vier Siebdrucke. Mit dem „Haken“-Motiv (1964-1966; 1969/70) finden sich 5 Blätter im Siebdruckwerk, wobei 41, 78 und 84 zugleich zur Serie „Scheibe im Quadrat“ zu rechnen sind; Dexel hat hier zwei seiner Bild-Erfindungen miteinander verwoben. Der Typus „Senkrechte“ (1965-68) findet sich mit 3 Beispielen unter den Serigraphien.
Zum Motivkreis „Buchstaben und Ziffern (1967-1970) gehören 2 Beispiele. Am umfänglichsten ist die allerletzte Motiv-Serie Dexels im Siebdruckwerk vertreten, die Serie „Scheibe im Quadrat“ (1969/70). Von diesem Bildtypus wurden 10 Blatt Druckgrafik ediert. Für die Fülle dieser „Scheibe-im-Quadrat“-Blätter gibt eine ganz natürliche Erklärung. Diese liegt in der Zeitgleichheit von Erfindung dieses Bildtypus und Höhepunkt der Dexelschen Siebdruckproduktion. Vom Scheibe-Quadrat-Motiv existieren neben den Siebdrucken im Übrigen auch nur Gouachen. Dexel hat niemals ein Werk dieser mehr als zwei Dutzend Arbeiten umfassende Suite in Öl auf
Leinwand ausgeführt, was vordergründig ungewöhnlich erscheint, denn Dexels Arbeitsweise, seine konstruktiven Bildkonzepte in verschiedensten Techniken zu erproben, ist ja sonst durchgängig zu beobachten. Möglicherweise ließ sein schlechter Gesundheitszustand keine Ölmalerei mehr zu. Umso mehr musste er offenbar Wert darauf legen, dieser letzten Bildidee seines
Werkes über die Druckgrafik Öffentlichkeit zu verschaffen.
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Walter Dexel - Das druckgraphische Werk
21. Februar - 30. Mai 2010
Walter Vitt
Die Druckgrafik von Walter Dexel
(Auszug aus dem Katalog Köln 1998)
Das druckgrafische OEuvre von Walter Dexel ist in seinem Umfang verhältnismäßig klein. Es zählt knapp 100 Werke, davon entstanden ca. 20 im Früh- und Hauptwerk, also in den ersten 16 Jahren zwischen 1915 und 1930, die übrigen schuf er nach seiner Wiederentdeckung zwischen 1968 und 1973. Gemessen an der druckgrafischen Fülle im Werk von vielen Zeitgenossen Dexels aus den zehner und zwanziger Jahren ist dies eine äußerst sparsame Produktion.
Worin ist die druckgrafische Askese Dexels begründet? Da spielen mehrere Aspekte zusammen. Zum einen gilt hier das, was auch für Dexels Gesamtwerk Gültigkeit hat: die lange Pause der fast 30 Jahre zwischen 1933 und 1962, zwischen den deutschen Nazi-Jahren und den knapp zwei Jahrzehnten früher Bundesrepublik, ließ in einem langen Menschenleben (Dexel wurde 83 Jahre alt) praktisch nur 3½ Jahrzehnte künstlerische Produktion zu. Dexel hat also ebenso lange als Maler und Grafiker pausiert, wie er in dieser Weise tätig war. Zum anderen muss insbesondere für Dexels frühe Druckgrafik festgestellt werden, dass es in den zwanziger
Jahren keinen großen Bedarf des Publikums an konstruktiver Grafik gab, wohl an expressionistischen Produkten und/oder Werken der Neuen Sachlichkeit. Als Dexel 1973 starb, fanden sich in seinem Nachlass von den Holzschnitten der zehner und zwanziger Jahre selbst von Editionen mit kleiner Auflage (10 bis 20 Exemplare) jeweils noch einige unsignierte Blätter, weil Dexel meist erst dann signierte, wenn ihm ein Käufer für ein bestimmtes Blatt begegnete.
Als wichtigstes Argument kommt aber, was die frühe Druckgrafik betrifft, ein konzeptioneller Grund hinzu: Dexels künstlerische Interessen verlagerten sich im ersten Drittel der 20er Jahre von der bildnerischen Gestaltung auf den angewandten Bereich: auf Typografie, Plakat, Buchkunst, Reklame und Leuchtreklame, Verkehrsschilder, Bühnenbildner, Raumausstattung usw. An die Stelle der künstlerischen Druckgrafik traten nunmehr Plakate und andere Werbedrucksachen, von denen die berühmtesten jene postkartengroßen Einladungskarten sind, die Dexel damals für die Ausstellungen des Kunstvereins Jena schuf, dessen Ausstellungsleiter er viele Jahre gewesen ist. Wenn der Künstler bei den Umschlaggestaltungen für Bücher gelegentlich auch Bildhaftes in diese Collagen und Montagen einbezog, so verließ er sich bei den Plakaten und Werbedrucksachen fast ausschließlich auf die Schrift.
Es ist davon auszugehen, dass Dexel seine Schriftdrucksachen nicht in der Atelierabgeschiedenheit entwarf, sondern weitgehend in den Setzereien im Zusammenwirken mit den handwerklichen Praktikern schuf. In einem 1928 zur Erlangung einer Dozentur an der Magdeburger Kunstgewerbe- und Handwerkerschule abgefassten Lebenslauf schreibt der Maler: „Ich lebe als freier Gebrauchsgrafiker … An der Volkshochschule Jena unterrichte ich über die Zusammenhäng neuer Kunst mit praktischer Gestaltung. Die Setzer der Druckereien, mit denen ich ständig arbeite, habe ich im Laufe der Jahre so fördern können, daß sie auch in ihren selbständigen Arbeiten ein anerkanntes Niveau erreicht haben.“ Und an anderer Stelle in demselben Text notiert er: „In selbstverständlicher Folge schloss sich (an die Bildproduktion) praktische Tätigkeit auf dem Gebiet der Gebrauchsgrafik an …“ Beide Zitate aus demselben Text stellen klar, dass Dexel sich zu dieser Zeit (1928) längst nicht mehr als Maler und Grafiker im klassischen Sinne begreift, sondern als jemand, der sich das Ziel gesetzt hat, praktische Aufgaben in der Gesellschaft zu lösen.
Es sollte aber beachtet werden, dass Dexel mit seinen frühen Holzschnitten durchaus Anerkennung gefunden hat. Die Komposition „Sternenbrücke“ von 1919 (Vitt Nr. 10) wurde in die 1921 erschienene Bauhaus-Mappe „Deutsche Künstler“ aufgenommen; mehrfach zeigte Herwarth Walden Dexel-Holzschnitte in seiner Monatsschrift „Der Sturm“ („Steile Straße – Der Strahl“, Vitt Nr. 5, in Jg. 8, Heft 12/1918; „Apollotheater“, Vitt Nr. 4, in Jg. 9, Heft 9/1918); das Blatt „Figuration 1922 I“ (Vitt Nr. 12) erschien in der belgischen Kunstzeitschrift „7arts, hebdomadaire d’information et de critique“, Brüssel 1923, zu einem Text von Adolf Behne; 1925 veröffentlichte
Willi Wolfradt in seinen Flugblättern „Die Lebenden“ einen Dexel-Holzschnitt auf der Titelseite, und zwar das Blatt „1924 II“ (Vitt Nr. 15).
In seiner frühen Werkphase (1912-1914) mit Studienaufenthalten in Italien und Paris begleitete Walter Dexel sein malerisches OEuvre noch nicht mit Druckgrafik. Der erste Holzschnitt entsteht 1915 in Jena, nachdem das Bilder-OEuvre des Künstlers bereits auf etwa 60 Werke angewachsen ist. Von nun an lässt sich an Dexels Holzschnitten seine Entwicklung von der Abstrahierung der Formen zum Konstruktiv-Konkreten sehr gut ablesen. Zudem werden Parallelen zu den Motiven auf seinen Bildern und Aquarellen erkennbar.
1920/21 malt Dexel zahlreiche Städteansichten, 1921/22 entstehen Maschinen-Bilder. Mit diesen Motiven bereitet sich der Weg ins Konstruktiv-Konkrete vor. Aus den Schwungrädern der Maschinen erwachsen die Scheiben und Halbscheiben auf den späteren Werken, aus der Senkrecht-Waagerecht-Ordnung der Häuserportraits entwickeln sich die autonomen vertikale und horizontal angelegten Strukturen des „konkreten“ Dexel.
Diese Übergangswerke vom Abstrakten zum Konkreten – in Dexels malerischem Werk sind es zwischen 1920 und 1922 nahezu 50 Bilder – werden im druckgrafischen OEuvre von nicht mehr als drei Holzschnitten begleitet, die zudem selbständige Hervorbringungen sind, sich also in ihrer Struktur nicht an Bilder anlehnen oder in diese eingegangen sind.
Im konkreten Werk setzt sich bei Dexel dann ein Verfahren durch, das so etwas wie bildnerische Prototypen kennt. Beginnend etwa nach 1921, hält Dexel dieses Prinzip weitgehend bis ins Spätwerk durch. Eine bildnerische Konstruktion wird auf ihre Tragfähigkeit erprobt: als Collage, im Holzschnitt, als Ölbild oder Hinterglasbild, als Gouache oder Aquarell, gelegentlich als Wandbild oder in der Außenarchitektur – im Spätwerk dann als Siebdruck, Plexiglasarbeit und/oder auf Polystyrol-Bildträger. Ein solches Arbeiten mit Prototypen findet sich dabei auch im „Wechselspiel“ zwischen Bild und Plakat, zwischen Bild und Leuchtreklame oder auch zwischen
Bild und Bühnenbild.
Die Hinwendung zur Siebdruck-Grafik im Jahr 1968, also 38 Jahre später, erfolgte unter völlig anderen Vorzeichen. Sie wurde von Walter Dexel wie von seinen Editoren einerseits als Präsentation seiner späten Bild-Erfindungen begriffen, galt andererseits aber dem Bemühen, den vergessenen Maler nach so vielen Jahren des Schweigens vor allem in seinem konkreten Werk der zwanziger und dreißiger Jahre erkennbar zu machen. So ediert Carl Laszlo in Basel 1968 zwei Mappenwerke mit insgesamt 12 Siebdrucken. In „Mappe 1“ versammelt er 6 Blatt mit Motiven von 1926 bis 1930…; in „Mappe 2“ stellt Laszlo 6 Motive aus Dexels berühmter „Köpfe“-
Reihe der Jahre 1930 bis 1933 vor… Auch das Mappenwerk, das Eugen Gomringer 1971 in der Galerie Thomas Keller (Starnberg) herausgibt und das die Motive von zehn Hinterglasbildern der Jahre 1918 bis 1926 im Siebdruckverfahren wiederholt…, stellt den „frühen Dexel“ vor, wurde in der Absicht ediert, Dexels Leistung zu veranschaulichen, auf selbständige Weise vom abstrakten Bild zur konkreten Kunst zu gelangen. Dabei lag dieses Interesse gleichermaßen beim Künstler wie bei Herausgeber und Galerist.
Viele Einzelblätter mit Motiven seiner Kunst der 20er Jahre erschienen zwischen 1969 und 1973 in verschiedenen Kunstvereinen. Das Jahresgabengeschäft der Kunstvereine stand damals noch in hoher Blüte. Das Bedürfnis vieler Sammler, vor allem solcher mit kleinem Geldbeutel, und Dexels Ziel, sein frühes Werk erkennbar zu machen, trafen sich auf ideale Weise. Im Braunschweiger Kunstverein, dem damals der Galerist Rolf Schmücking vorstand, erschien erstmals 1969 eine Dexel-Jahresgabe mit frühem Motiv. Im Jahr darauf edierte Braunschweig ein zeitgenössisches Blatt zusammen mit einem dazu passenden Siebdruck-Plakat. Großen
Anteil an der Wiederentdeckung Dexels über das „Medium“ Jahresgabe hatte die hannoversche Kestner-Gesellschaft, seinerzeit unter Wieland Schmied. Während sich dessen Vorgänger Werner Schmalenbach überhaupt nicht mit dem Werk Dexels anzufreunden wusste, gab Wieland Schmied zwischen 1969 und 1971 vier Dexel-Blätter heraus. Dabei wählte er vornehmlich zeitgenössische Arbeiten. Schmieds Bemühen, Dexel auch vollends als Künstler der Gegenwart darzustellen, zeigte sich, als er ihm 1970 den Auftrag gab, eine zehnblättrige Siebdruckmappe mit den Zahlen 0 bis 9 zu entwerfen. Aber Dexels zusehends schlechter gewordener Gesundheitszustand ließ diese Leistung nicht mehr zu; allerdings schuf der Maler einige Bleistiftskizzen für die Mappe, darunter den Entwurf für das Blatt mit der „8“.
Neben vielen frühen Motiven (Prototypen) im Siebdruckwerk der Jahre 1968ff. kamen Dexels späte Bild-Erfindungen aber mit wichtigen Beispielen zu ihrem Recht. Von den „Bandwerk“- Motiven, deren Entstehung zwischen 1964 und 1967 zu datieren ist, gibt es vier Siebdrucke. Mit dem „Haken“-Motiv (1964-1966; 1969/70) finden sich 5 Blätter im Siebdruckwerk, wobei 41, 78 und 84 zugleich zur Serie „Scheibe im Quadrat“ zu rechnen sind; Dexel hat hier zwei seiner Bild-Erfindungen miteinander verwoben. Der Typus „Senkrechte“ (1965-68) findet sich mit 3 Beispielen unter den Serigraphien.
Zum Motivkreis „Buchstaben und Ziffern (1967-1970) gehören 2 Beispiele. Am umfänglichsten ist die allerletzte Motiv-Serie Dexels im Siebdruckwerk vertreten, die Serie „Scheibe im Quadrat“ (1969/70). Von diesem Bildtypus wurden 10 Blatt Druckgrafik ediert. Für die Fülle dieser „Scheibe-im-Quadrat“-Blätter gibt eine ganz natürliche Erklärung. Diese liegt in der Zeitgleichheit von Erfindung dieses Bildtypus und Höhepunkt der Dexelschen Siebdruckproduktion. Vom Scheibe-Quadrat-Motiv existieren neben den Siebdrucken im Übrigen auch nur Gouachen. Dexel hat niemals ein Werk dieser mehr als zwei Dutzend Arbeiten umfassende Suite in Öl auf
Leinwand ausgeführt, was vordergründig ungewöhnlich erscheint, denn Dexels Arbeitsweise, seine konstruktiven Bildkonzepte in verschiedensten Techniken zu erproben, ist ja sonst durchgängig zu beobachten. Möglicherweise ließ sein schlechter Gesundheitszustand keine Ölmalerei mehr zu. Umso mehr musste er offenbar Wert darauf legen, dieser letzten Bildidee seines
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